Hermann Helfgott - Zvi Asaria

Zvi Asaria-Helfgott wurde am 8. September 1913 unter dem Namen Hermann Helfgott als Sohn chassidischer Juden in dem kleinen Dorf Beodra (heute Novo Miloševo, Serbien) in der Banater Region geboren, die damals zum ungarischen Teil der Habsburger Doppelmonarchie gehörte.

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Hermann Helfgott (3. v. r.) mit seiner Familie. Von rechts nach links: Syma, Chana Rachel, Zvi, Kalonymus, Abram und Sara Helfgott

Nach dem Ersten Weltkriege wurde die Gegend Teil des neugegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. Der Schulzeit am Gymnasium im nahegelegenen Veliki Bečkerek (heute: Zrenjanin, Serbien), folgte ein Studium am neugegründeten jüdisch-theologischen Seminar in Sarajevo, bevor Helfgott 1934 nach Wien ging. Zeitgleich mit der Etablierung der austrofaschistischen Diktatur begann er mit dem Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und der Rabbinerausbildung an der jüdisch-theologischen Lehranstalt.

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Hermann Helfgott in dem Gedenkbuch für die Opfer des Nationalsozialismus an der Universität Wien 1938.

Nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich musste Helfgott sein Studium abbrechen und nach Ungarn fliehen. An der Landesrabbiner Schule in Budapest und der dortigen Universität konnte er seine Studien im Jahre 1940 abschließen.

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Bestätigung von Dr. Hermann Helfgott als Landesrabbiner.

Als ordinierter Rabbiner und Doktor der Philosophie kehrte Helfgott in seine Heimat zurück.

In Veliki Bekerek, welches mittlerweile nach dem jugoslawischen König Peter I. in Petrovgrad umbenannt worden war, trat er seine erste Stelle als Rabbiner an.

Doch bereits kurze Zeit später wurde Helfgott in die jugoslawische Armee eingezogen und diente fortan als Militärrabbiner. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen und die Kriegsgefahr schwebte auch über dem Königreich Jugoslawien. Nachdem das Militär gegen den Beitritt des Königreiches zu den Achsenmächten rebelliert hatte, begann die deutsche Wehrmacht am 6. April 1941 mit dem Bombardement jugoslawischer Städte; dies war der Beginn des Balkanfeldzuges, der wenige Wochen später mit der Kapitulation der jugoslawischen und griechischen Streitkräfte endete.

Helfgott war zu diesem Zeitpunkt in tip, Mazedonien, stationiert. Seine Einheit ergab sich schnell der vorrückenden deutschen Armee und Helfgott geriet in deutsche Gefangenschaft.

Nach einem Fußmarsch bis über die bulgarische Grenze nach Gorna Dschumaja (heute: Blagoevrad, Bulgarien), erfolgte die Deportation mit Zug und Lastwagen über Sofia bis in ein Kriegsgefangenenlager bei Oltenita (heute: Olteanca, Rumänien). Nach einer kurzen Pause von wenigen Wochen wurden die Gefangenen nach Deutschland verlegt.

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Jugoslawische Kreigsgefangene im Oflag XIII B in Nürnberg-Langwasser. Asaria-Helfgott sitzt in der unteren Reihe (3. v.l.).

Am 20. Mai 1941 erreichte Helfgott das Kriegsgefangenenlager Oflag XIII B in Nürnberg-Langwasser. Hier sollte er ein Jahr in Gefangenschaft verbringen.

Die Zeit im Oflag XIII B war von Hunger, Gewalt und Langeweile geprägt. Auch wenn Kriegsgefangene mit Offiziersstatus nicht zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, waren sie doch der Willkür der deutschen Stellen ausgeliefert. Trotz eines Verbotes durch die Lagerleitung entstanden unter Helfgotts Führung Ansätze eines organisierten religiösen Lebens.

Zvi Asaria-Helfgott über die religiösen Probleme im Kriegsgefangenenlager.

Verstorbene jüdische Gefangene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Nürnberg begraben. Während der Internierung erreichten die Kriegsgefangenen auch zum ersten Mal Berichte über die systematische Judenverfolgung.

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Kriegsgefangenenpost für Hermann Helfgott

Im Mai 1942 wurden Helfgott und viele seiner Kameraden in das Oflag VI C bei Osnabrück verlegt. Hier wurden die circa 400 jüdischen Gefangenen in zwei Baracken untergebracht und damit von den nicht-jüdischen Gefangenen separiert.

Im Vergleich mit dem Oflag XIII B in Nürnberg-Langwasser bedeutete die Ankunft im Oflag VI C erstmal eine Erleichterung der Haftbedingungen; so waren nicht nur die sanitären Bedingungen besser, es war den Gefangenen auch erlaubt, ein religiöses und kulturelles Leben auszuüben.

Zvi Asaria-Helfgott über seine religiöse Leitung im Kriegsgefangenenlager.

Doch auch hier war die Inhaftierung von Gewalt und Willkür geprägt. Auf die Gefangenen wurde für kleinste Vergehen geschossen, oft mit tödlichen Folgen.

Wie zuvor in Nürnberg wurden verstorbene jüdische Gefangene auf dem Friedhof der Osnabrücker jüdischen Gemeinde begraben, deren Mitglieder beinahe alle bereits 1941 deportiert worden waren.

Mit dem Vorrücken der alliierten Truppen von Westen begann die Räumung des Kriegsgefangenenlagers. Helfgott und seine Kameraden wurden erneut im August 1944 auf eine monatelange Deportation geschickt.

In Zugwaggons gepfercht ging es zuerst von Osnabrück nach Straßburg, wo die Gefangenen für circa zwei Wochen in der Feste Bismarck inhaftiert waren. Im September 1944 erfolgte dann die Deportation nach Barkenbrügge in Pommern (heute in Polen gelegen). Hunger und - mit dem einsetzenden Winter 1944/45 - auch Kälte bestimmten den Alltag, der nur durch Gerüchte über das Heranrücken der Rote Armee und die unausweichliche Niederlage der Deutschen eine hoffnungsvolle Note erhielt.

Im Januar 1945 begann für Helfgott der Todesmarsch, der die entkräfteten Gefangenen über 400 Kilometer weit bis nach Meyenburg (heute in Brandenburg) führte. Von Meyenburg wurden die Gefangenen mit dem Zug über Hamburg und Osnabrück in das Emslandlager Alexisdorf, nahe der niederländischen Grenze, gebracht. Mitte März 1945 ging es zu Fuß Richtung Osten, bis nach Nienburg an der Weser.

In der Nähe des kleinen Dorfes Hodenhagen gelang einer kleinen Gruppe um Helfgott die Flucht. Nach Tagen der Ungewissheit, stießen sie auf britische Truppen. Vier Jahre nach Beginn der Kriegsgefangenschaft waren sie nicht mehr der Willkür und Gewalt deutscher Soldaten ausgeliefert.

In einem Lager der britischen Armee bei Nienburg hörte Helfgott im Radio zum ersten Mal den Namen Bergen-Belsen. Mit der vagen Hoffnung verschleppte Familienangehörige zu finden, brach er umgehend Richtung Bergen-Belsen auf. Doch seine Hoffnung war umsonst. Erst Jahre später erfuhr er vom Schicksal seiner Familie, die im Konzentrationslager Sajmite nahe Belgrad ermordet worden war.

In den Wochen nach der Befreiung ging das Sterben in Bergen-Belsen weiter. Der allgemein schlechte Zustand der befreiten Häftlinge, falsche Ernährung, Typhus und andere Krankheiten, trieben die Todeszahlen nach oben und die Leichname wurden in Massengräbern beerdigt. Bereits kurz nach seiner Ankunft übernahm Helfgott verschiedene Aufgaben in seiner Funktion als Rabbiner. So achtete er darauf, dass die Massengräbern den Maßstäben der Halacha, also den religiösen Gesetzen des Judentums, genügten.

In den folgenden Monaten wurde Bergen-Belsen zu einer Anlaufstelle für Überlebende des Holocaust, insbesondere aus Osteuropa. Diese Displaced Persons, deren Familien ermordet, deren Herkunftsorte zerstört und deren Heimatländer teilweise von der Weltkarte getilgt worden waren, fanden sich nach dem Ende des Krieges gestrandet in Deutschland wieder. Die meisten dieser DPs hofften auf die Emigration in Drittstaaten. In Bergen-Belsen wuchs in den Monaten nach Kriegsende schnell eine unterstützende Infrastruktur heran.

Helfgott nahm hierbei oft eine entscheidende Rolle ein. So engagierte er sich im Komitee der befreiten Juden in der Britischen Zone und war eine prominente Stimme in der DP-Zeitung Unzer Sztyme.

Im Sommer 1947 wurde Helfgott zum Oberrabbiner der Britischen Besatzungszone ernannt; eine exponierte Stellung, die ihn in Kontakt mit Überlebenden in ganz Nordwestdeutschland brachte. Verhandlungen mit britischen Hilfsorganisationen führten ihn u.a. nach London.

Der britischen Besatzungsmacht missfielen seine zionistischen Tätigkeiten und seine Unterstützung der sogenannten Alijah Bet, der geheimen Auswanderung nach Mandatspalästina. Helfgott war bereits während seiner Studienzeit mit dem Zionismus in Kontakt gekommen. Der Holocaust bestärkte ihn in seiner Überzeugung, dass nur ein eigener Staat mit eigenem Militär das jüdische Volk schützen könne. Daher unterstütze er bereits im DP-Camp Bergen-Belsen Rekrutierungsbemühungen der Hagana, der paramilitärischen Untergrundarmee, die in Mandatspalästina gegen die britische Armee für einen jüdischen Staat kämpfte.

Kurz nach der Unabhängigkeitserklärung am 14. Mai 1948 beschloss Helfgott nach Israel auszuwandern. Im September 1948 erreichte Hermann Helfgott den Hafen in Haifa und betrat zum ersten Mal israelischen Boden. Er hebraisierte seinen Namen und nannte sich fortan Zvi Asaria. Der junge Staat befand sich zu diesem Zeitpunkt im Kriegszustand und Asaria trat der israelischen Armee bei.

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Asaria-Helfgott in Uniform der israelischen Armee (1950).

Wie viele Einwanderer hatte Asaria Probleme eine angemessene Beschäftigung zu finden. Die nächsten Jahre verdiente er sein Geld mit verschiedenen Tätigkeiten, u.a. als Maschgiach, eine Aufsichtsperson, die über die Einhaltung der Kashrut-Regeln, also der jüdischen Speisegesetze, wacht. 1950 heiratete Asaria die ursprünglich aus Antwerpen stammende Malka Bodner.

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Hochzeitsfoto von Zvi Asaria-Helfgott und Malka Bodner (1950).

Doch bereits 1953 kehrte Asaria nach Deutschland zurück. Mit dem Luxemburger Abkommen von 1952 vereinbarten die Bundesrepublik Deutschland und Israel Reparationszahlungen für die am jüdischen Volk begangenen Verbrechen. Zur Umsetzung der Zahlungen, die teilweise in Form dringend benötigter Industriegüter erfolgten, wurde in Köln die sogenannte Israel-Mission eingerichtet. Für Asaria bot sich damit die Möglichkeit, eine Stelle als Kulturattaché anzutreten.

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Abkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel, 10. September 1952.

https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_de&dokument=0016_lux&object=pdf&st=&l=de

Nach seiner Ankunft in Deutschland wurde er bald zum Rabbiner der Kölner Synagogengemeinde berufen. Um die Zukunft der Gemeinde stand es schlecht. Die prunkvolle Synagoge war in der Reichspogromnacht 1938 niedergebrannt worden; ihre Mitglieder waren zum größten Teil ermordet oder vertrieben; die Überlebenden waren alt oder dachten an Auswanderung. Asaria spielte eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau der Gemeinde. Am 20. September 1959 wurde die wiederaufgebaute Synagoge in der Roonstraße im Beisein von Bundeskanzler Konrad Adenauer eingeweiht.

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Wiedereröffnung der Kölner Synagoge am 20. September 1959 im Beisein von Hermann Helfgott und Bundeskanzler Konrad Adenauer.

In der Weihnachtsnacht 1959, also nur rund drei Monate nach der Wiedereinweihung, wurde die Synagoge von zwei Mitgliedern der rechtsextremen Deutschen Reichspartei (DRP) mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen geschändet.

Obwohl Adenauer in einer berühmt gewordenen Rundfunkansprache eine „Tracht Prügel“ für die „Lümmel“ forderte, kam es in den folgenden Wochen und Monaten zu hunderten antisemitischen Vorfällen in der BRD.

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Geschändeter Eingang der Kölner Synagoge 1959.

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Nicht zuletzt unter dem Eindruck des grassierenden Antisemitismus verließ Asaria Deutschland wieder in Richtung Israel. Während er in Europe breite Anerkennung erfuhr, hatte er in Israel weiter Schwierigkeiten Fuß zu fassen. Ab 1961 bekleidete er eine Halbtagsstelle als Rabbiner in Savyon, einer kleinen Gemeinde nahe Tel Aviv.

1966 kehrte er als Landesrabbiner von Niedersachsen nach Deutschland zurück.

Die jüdischen Gemeinden in Niedersachsen machten in den Sechziger Jahre den Schritt vom Provisorium nach dem Holocaust zur Konsolidierung. Synagogenneubauten entstanden, unter anderem in Osnabrück. Als Landesrabbiner spielte Asaria bei den Einweihungsfeiern oft eine herausgehobene Rolle.

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Zeitungsartikel: Landesrabbiner Dr. Assaria zu Gast bei den Juden in Osnabrück, 1967.

Ein Beitrag zur Erinnerungskultur bestand in Asarias unermüdlichem Mahnen den ausgelöschten Gemeinden in Niedersachsen zu gedenken. Auf seine Initiative hin wurden viele Gedenksteine an den Orten ehemaliger Synagogen oder jüdischer Friedhöfe errichtet. 1969 erschien sein wohl bekanntestes Werk Edim Anachnu auf Hebräisch und wurde 1975 von der Niedersächsischen Landeszentrale für Politische Bildung auf Deutsch unter dem Titel Wir sind Zeugen veröffentlicht.

1979 folgte die monumentale Darstellung Die Juden in Niedersachsen: Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart.

Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahre 1970 widmete sich Asaria verstärkt seinen publizistischen Tätigkeiten, und veröffentlichte unter anderem ein Buch über den aus Lüneburg stammenden jüdischen Philosophen Fritz Heinemann. Zudem war er in verschiedenen Verbänden für Holocaust-Überlebende tätig. Auch in dieser Zeit war er ein häufiger Gast in Deutschland, besonders in Niedersachsen, wo er oft an Gedenkveranstaltungen teilnahm.

In den neunziger Jahren setzte sich Asaria für den Jugendaustausch zwischen Savyon und Niedersachsen ein. Sein Credo, dass besonders die Jugend über jüdische Geschichte lernen müsse, wurde auch dabei deutlich. Nicht zuletzt dafür wurde ihm 1998 vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsident Gerhard Schröder der niedersächsische Verdienstorden 1. Klasse verliehen.

Im Jahre 2000 nahm Asaria zum letzten Mal an einer Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen teil.

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Letzte bekannte fotografie von Asaria-Helfgott, wahrscheinlich im Jahr 2000 aufgenommen.

Am 22. Mai 2002 verstarb Asaria nach längerer Krankheit in Savyon, Israel.

Hermann Helfgott - Zvi Asaria